Sie wollen für die Entwicklungszusammenarbeit kämpfen?

Sergius Seebohm

Jul 26, 2021

Sie wollen für die Entwicklungszusammenarbeit kämpfen?

Eine neue Studie des Development Engagement Labs (DEL) zeigt auf, welcher Art von Materialien, Botschaften und Medien Entscheidungsträgerinnen in Deutschland vertrauen, wenn es um Entwicklungszusammenarbeit geht. Die Daten legen nahe: Modische und innovative Herangehensweisen sind nicht unbedingt effektiver.*

Wenn Sie sich für Entwicklungszusammenarbeit (EZ) und Armutsbekämpfung einsetzen, wollen Sie von Entscheidungsträger*innen gehört werden. Entsprechend müssen Sie lernen, wo diese Personen sich informieren: Welchen Medien vertrauen sie? Das beeinflusst maßgeblich, was in Ihr „Advocacy-Toolkit“ hineinkommt.

Eine neue Studie des DEL hat sich genau damit beschäftigt und dabei etwas Großes erreicht: Entscheidungsträger*innen stellten ihre begrenzte Zeit zur Verfügung, um über ihre Medienpräferenzen und -konsum zu sprechen, wenn es um EZ und globale Armut geht.

Das DEL führte dazu eine Umfrage zwischen dem 16. Februar und dem 20. April 2021 durch, an der sich Mitgliederinnen des Deutschen Bundestags, deren Mitarbeiterinnen sowie Beamt*innen des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) beteiligten, sodass insgesamt 85 detaillierte Antwortbögen erhoben wurden. Dabei waren die Parteien weitestgehend gleichmäßig repräsentiert.

Die Umfrage umfasst vier Kernbereiche:

1) Was sind die primären Quellen für den Medienkonsum deutscher Entscheidungsträgerinnen? 2) Was sind ihre Einstellungen und Meinungen zur EZ und damit verbundenen Themen? 3) Inwieweit vertrauen und schätzen Entscheidungsträgerinnen Informationen, die von Entwicklungs-NGOs bereitgestellt werden? 4) Was beeinflusst, ob deutsche Entscheidungsträger*innen sich hinter ein Anliegen oder eine Kampagne stellen?

Entscheidungsträger*innen erreichen

Wenn es darum geht, Entscheidungsträger*innen auf die Arbeit von EZ-NGOs aufmerksam zu machen, konnte DEL zwei wichtige Erkenntnisse gewinnen.

Erstens: Traditionelle Medien sind immer noch wichtiger als Soziale Kanäle. Zeitungen und Fernsehen sind für Entscheidungsträger*innen bei weitem die bevorzugte Quelle für internationale Nachrichten.

Zweitens: Entscheidungsträger*innen vertrauen NGOs grundsätzlich bei EZ-Themen. Allerdings bevorzugen sie Positionspapiere, klassische Two-Pager und Berichte gegenüber anderen Formen der Kommunikation – sogar gegenüber dem persönlichen Gespräch.

Zusammengefasst: Viele innovative Wege, Informationen bereitzustellen (etwa Videos oder Online-Kampagnen) werden nicht ausreichen, um Entscheidungsträger*innen zu beeindrucken. Online-Petitionen schnitten dabei besonders schlecht ab.

Dennoch sind die Ergebnisse tolle Nachrichten für Kolleginnen aus der Zivilgesellschaft: Die Umfrage zeigt, dass Entscheidungsträgerinnen oft auf NGO-Berichte, persönliche Erfahrungen und die Forschung zurückgreifen, wenn sie Entwicklungsthemen besser verstehen wollen. NGO-Publikationen stehen an erster Stelle für Entscheidungsträgerinnen, wenn es darum geht, auf EZ-Themen aufmerksam zu werden, und auch um diese besser zu verstehen: 62% bzw. 65% der Entscheidungsträgerinnen hören durch NGO-Publikationen von EZ-Themen und verstehen diese dadurch besser.

Auch hinsichtlich der Beratung durch NGOs gibt es gute Neuigkeiten. Über 70% der Teilnehmenden gaben an, NGOs zu vertrauen und ihren Rat zu schätzen. Allerdings zeigten sich hier Nuancen: Betrachtet man die Meinungen vor dem Hintergrund der jeweiligen Position, d.h. MdBs, deren Mitarbeiterinnen oder BMZ-Beamtinnen, werden große Unterschiede zwischen den Gruppen deutlich. Nur 39% der MdBs vertrauen NGOs an sich, allerdings vertrauen 54% der Beratung und Information, die NGOs bereitstellen. Dies steht im Kontrast zu 75% der BMZ-Beamtinnen und 78% der MdB-Mitarbeiterinnen, die NGOs vertrauen, sowie 100% der BMZ-Beamtinnen und 76% der MdB-Mitarbeiterinnen, die ihre Beratung schätzen. Dies legt nahe, dass noch mehr getan werden kann, um Vertrauen zwischen MdBs und NGOs aufzubauen. Möglicherweise könnten ihre Mitarbeiter*innen hier eine Vermittlerposition einnehmen.

Dies ist eine nützliche Grundlage für direktes Engagement. Wenn Sie aber möchten, dass die Entscheidungsträgerinnen von anderen Stellen als Ihrem Kommunikations-Team von Ihren Positionen erfahren, sollten Sie - um es ganz offen zu sagen - klassische Medienarbeit betreiben! Es ist wichtig, noch einmal darauf hinzuweisen, dass sich deutsche Entscheidungsträgerinnen hauptsächlich auf Zeitungen und Fernsehen als Hauptquellen für internationale Nachrichten konzentrieren, und es gibt keinen Ersatz für gute Presse.

Entscheidungsträger*innen überzeugen

Sobald Sie die Aufmerksamkeit von Entscheidungsträgerinnen haben, stellt sich die Frage: Was funktioniert am besten, wenn Sie für die Arbeit Ihrer Organisation argumentieren? Die DEL-Forscher kategorisierten und testeten verschiedene Dimensionen und Frames, um besser zu verstehen, welche Argumente Entscheidungsträgerinnen dazu bringen, ein Anliegen zu unterstützen.

Den Entscheidungsträgerinnen wurden zwei hypothetische Kampagnen nebeneinander gezeigt; dann wurden sie gefragt, welche der beiden Kampagnen sie eher unterstützen würden. Die Ergebnisse waren eindeutig und einfach: Wenn Sie wollen, dass Entscheidungsträgerinnen sich engagieren, dann stellen Sie die Armutsbekämpfung in den Mittelpunkt der Bemühungen. Den Daten zufolge sind indirekte Argumente - etwa, dass EZ im nationalen Interesse liegt - einfach weniger effektiv. Die Umfrageergebnisse deuten darauf hin, dass eine Kampagne, die auf Armutsbekämpfung abzielt, mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit die Unterstützung von Entscheidungsträgerinnen erhält, während Kampagnen, die EZ im Sinne des nationalen Interesses oder eines moralischen Imperativs formulieren, nicht mehr oder weniger wahrscheinlich Unterstützung erhalten. Wie die breite Öffentlichkeit der Geberländer unterstützen Entscheidungsträgerinnen die EZ, weil sie die Bedürfnisse der Menschen in armen Ländern anspricht.

Kurz und knapp: Sie werden im Kampf gegen Armut effektiv sein - zumindest in Deutschland - wenn Sie sich an die Klassiker halten: Intelligente, zu Papier gebrachte Argumente, traditionell freundlicher und respektvoller Austausch mit Beamtinnen, Abgeordneten und deren Mitarbeiterinnen. Kombiniert mit traditioneller Medienarbeit ist dies die effektivste Strategie, um das Interesse von Entscheidungsträger*innen zu wecken. In einem Umfeld politischer Kommunikation, das immer hektischer und aufmerksamkeitsorientierter wird, könnte dies tatsächlich die beste Nachricht sein.

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Sergius Seebohm

Sergius Seebohm

Sergius Seebohm is Managing Director at Seebohm.berlin.

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